Kamalan ki Pichwai, Nathdwara, Anfang 20. Jh.
(© Museum Fünf Kontinente, Foto: Nicolai Kästner)
Religion neu vermittelt

Interview mit Dr. Patrick Felix Krüger zur Ausstellung „Krishna. Religion, Kunst und Popkultur“

Im Museum Fünf Kontinente wird vom 24. April bis 8. November 2026 die Sonderausstellung „Krishna. Religion, Kunst und Popkultur“ gezeigt, die von Anne Hartig und Patrick Felix Krüger kuratiert wird. Wir haben mit dem Kurator Dr. Patrick Felix Krüger über Religion im Museum, kuratorische Herausforderungen sowie die Grenzen musealer Darstellbarkeit gesprochen.

Herr Dr. Krüger, im Rahmen der Lucian Scherman Lecture am Museum Fünf Kontinente stellen Sie die Frage, ob und wie sich Religionen ausstellen lassen. Was hat Sie zu dieser grundlegenden Fragestellung geführt – und inwiefern fließen die kuratorischen Erfahrungen in Ihren Vortrag ein?

Dr. Patrick Krüger: Mich beschäftigt diese Frage schon lange, weil ich in meiner kuratorischen Praxis immer wieder an eine Grenze stoße: Religion ist etwas Gelebtes, Erfahrbares – das Museum hingegen schafft einen Raum der Betrachtung, der Einordnung und der Distanz. In der Arbeit an der Krishna-Ausstellung im Museum Fünf Kontinente wurde diese Spannung besonders greifbar. Mein Vortrag ist ein Versuch, genau diese Erfahrungen zu reflektieren: Was passiert, wenn wir Religion ausstellen – und was entzieht sich dabei zwangsläufig?

Ihre kommende Krishna-Ausstellung am Museum Fünf Kontinente ist als größere Ausstellung angelegt, vergleichbar mit einem Projekt in Zürich vor einigen Jahren. Wie verändern sich kuratorische Strategien im Umgang mit religiösen Objekten, wenn sich der Maßstab einer Ausstellung vergrößert?

Dr. Patrick Krüger: Mit einem größeren Maßstab verändert sich die Arbeit deutlich. Ich kann nicht mehr nur einzelne Objekte sprechen lassen, sondern muss eine komplexe Erzählung entwickeln. Das bedeutet: mehr Kontext, mehr Stimmen, mehr Vermittlungsebenen. Gerade bei religiösen Objekten ist es wichtig, dass sie nicht isoliert als „schöne Dinge“ erscheinen, sondern in ihren Bedeutungszusammenhängen erfahrbar werden.

Ihr Vortrag bewegt sich im Spannungsfeld von Kult, Kunst und Museum: Wie verändern sich religiöse Objekte in ihrer Bedeutung, wenn sie aus rituellen Kontexten in museale Präsentationen überführt werden – und welche Rolle spielt dabei die konkrete Ausstellungspraxis, etwa in einem Projekt wie Ihrer Krishna-Ausstellung?

Dr. Patrick Krüger: Die Überführung ins Museum bedeutet eine Transformation: Ein Objekt wird vom Träger ritueller Präsenz zum Exponat. Diese Verschiebung lässt sich nicht rückgängig machen, aber reflektieren. In der Ausstellungspraxis wird versucht, diese Differenz sichtbar zu machen – etwa durch Hinweise auf Nutzung, durch Stimmen von Praktizierenden oder durch Elemente, die den ursprünglichen Kontext zumindest andeuten.

Sie beschreiben eine Annäherung von religiösen Räumen und Museen – Kirchen werden musealer, Museen inszenieren sich zunehmend sakral. Welche kulturellen oder gesellschaftlichen Dynamiken stehen dahinter?

Dr. Patrick Krüger: Diese Entwicklung spiegelt einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel wider: Für viele Menschen in europäischen Gesellschaften verliert Religion ihre institutionelle Bindung, während das Bedürfnis nach Sinn und Spiritualität häufig bestehen bleibt. Gleichzeitig öffnen sich Kirchen kulturell und werden zu Orten der Bildung und Kunst, beispielsweise durch Konzerte oder als touristische Sehenswürdigkeit. Museen wiederum wollen zunehmend nicht nur Objekte präsentieren, sondern auch deren Hintergründe und Verwendungszusammenhänge sichtbar machen. So bewegen sich beide Institutionen ungewollt aufeinander zu, da sie ähnliche Bedürfnisse einer säkularen, suchenden Gesellschaft ansprechen.

Am Beispiel von Hinduismus und Buddhismus zeigen sich diese Dynamiken besonders deutlich. Da Ihre Ausstellung ebenfalls im Kontext hinduistischer Traditionen steht: Was macht gerade diese religiösen Kontexte für Ihre Fragestellung so besonders aufschlussreich?

Dr. Patrick Krüger: Diese Traditionen sind besonders aufschlussreich, weil sie eine lange Geschichte visueller und materieller Kultur besitzen, in der Objekte aktiv in rituelle Prozesse eingebunden sind. Gleichzeitig existieren vielfältige Formen der Aneignung im globalen Kontext. Mich interessieren diese Traditionen besonders, weil in ihnen Objekte oft eine aktive Rolle im religiösen Leben spielen. Sie sind nicht nur Symbole, sondern Teil einer Praxis. Gleichzeitig sind sie global zirkulierend und werden unterschiedlich interpretiert.

Inwiefern besteht die Gefahr, dass religiöse Artefakte im Museum ästhetisiert oder sogar ihrer ursprünglichen Bedeutung beraubt werden – und wie versuchen Sie, in Ihrer eigenen kuratorischen Praxis, etwa in der Krishna-Ausstellung, dem entgegenzuwirken?

Dr. Patrick Krüger: Die Ästhetisierung religiöser Artefakte ist eine reale Gefahr – insbesondere in westlichen Ausstellungskontexten. Wir versuchen dem entgegenzuwirken, indem wir Kontexte sichtbar mache und Perspektiven einbeziehen, die über eine rein ästhetische Betrachtung hinausgehen. Für mich ist entscheidend: Die Objekte sollen nicht nur beeindrucken, sondern verstanden werden. Ziel ist es, die Objekte nicht nur „schön“, sondern auch „bedeutungsvoll“ zu zeigen.

Wo sehen Sie die Grenzen musealer Darstellbarkeit von Religion? Gibt es Aspekte religiöser Erfahrung, die sich grundsätzlich der Ausstellung entziehen – selbst in einer groß angelegten Präsentation mit begleitendem Katalog?

Dr. Patrick Krüger: Ich glaube, dass es klare Grenzen gibt. Bestimmte Aspekte von Religion – etwa persönliche Erfahrung oder Transzendenz – lassen sich nicht ausstellen. Und vielleicht ist es auch wichtig, diese Grenze anzuerkennen. Das Museum kann Annäherungen schaffen, aber keine vollständige Übersetzung leisten. Bestimmte Aspekte entziehen sich grundsätzlich der Ausstellung. Museen können diese Dimensionen nicht reproduzieren, sondern nur indirekt vermitteln. Diese Grenze ist kein Defizit, sondern ein wichtiger Reflexionspunkt kuratorischer Arbeit.

Gleichzeitig öffnen sich Museen zunehmend für religiöse Praktiken, während religiöse Orte Ausstellungslogiken adaptieren. Entstehen daraus auch neue Formate, die Sie in kuratorischen Arbeit erproben?

Dr. Patrick Krüger: Aus der Annäherung von Museum und Religion entstehen neue hybride Formate: partizipative Installationen, performative Elemente oder Räume der Erfahrung. Wir haben solche Ansätze vor wenigen Jahren mit dem interaktiven Wissensspiel „Und Du? Das Spiel der Fragen“ in der Ausstellung "Jain sein" im Museum Rietberg erprobt. Das Spiel mit seiner raumfüllenden Spielfläche regte die Besucher*innen der Ausstellung dazu an, Perspektiven zu wechseln und neue Denkwege zu erkunden. Es basiert auf dem Spiel „Gyan Chaupar“, das im frühen 19. Jahrhundert in Indien als Lehrmittel verschiedener Religionsgruppen diente.

Mit der Ausstellung erscheint anstelle eines klassischen Ausstellungskatalogs ein Begleitband. Welche Rolle spielt eine solche Publikation heute – eher als wissenschaftliche Vertiefung, als eigenständiges Medium oder sogar als Erweiterung des Ausstellungsraums?

Dr. Patrick Krüger: Viele Museen verzichten heute auf umfangreiche Ausstellungskataloge, da sich solche Publikationen nicht mehr gut verkaufen lassen. Dabei sind Ausstellungskataloge weit mehr als eine bloße Dokumentation der ausgestellten Exponate. Sie stellen ein eigenständiges Medium dar, das es ermöglicht, Inhalte zu vertiefen, die im Ausstellungsraum nur angedeutet werden können. Zugleich bieten sie Raum für unterschiedliche Stimmen und Perspektiven, die dort nebeneinanderstehen können. In diesem Sinne fungieren Kataloge als eine Verlängerung des Ausstellungsraums und sind – wie André Malraux gezeigt hat – auch als eine Art Metapher der Ausstellung zu verstehen. Für die Krishna-Ausstellung haben wir uns stattdessen für einen Begleitband entschieden, der auch unabhängig von der Ausstellung gelesen werden kann.

Was wünschen Sie sich, dass Ihr Publikum nach dem Vortrag – und vielleicht auch nach dem Besuch der Krishna-Ausstellung – anders wahrnimmt, wenn es künftig religiösen Objekten im Museum begegnet?

Dr. Patrick Krüger: Idealerweise verlassen Besucher:innen den Vortrag und die Ausstellung mit einer geschärften Wahrnehmung: Ich würde mir wünschen, dass Besucher:innen ihre eigene Perspektive stärker reflektieren. Dass sie religiöse Objekte nicht nur als Kunstwerke sehen, sondern als Teil lebendiger Praktiken. Und vielleicht auch, dass sie sensibler dafür werden, was im Museum sichtbar ist – und was unsichtbar bleibt.

Vielen Dank für das Gespräch!


Event-Hinweis

Der Vortrag von Dr. Patrick Felix Krüger findet am 12. Mai 2026 um 18:00 Uhr im Rahmen der Krishna-Ausstellung im Museum Fünf Kontinente in München statt. Alle weiteren Infos finden Sie unter https://ceres.rub.de/de/events/lucian-scherman-lecture-religionen-ausstellen-ein/.

Flöte spielender Krishna, Nordindien, 20. Jh., Marmor, Metall, 88,5 × 45 × 17,5 cm, Inv.-Nr. 09-329 854 © Museum Fünf Kontinente, Foto: Nicolai Kästner

Flöte spielender Krishna, Nordindien, 20. Jh., Marmor, Metall, 88,5 × 45 × 17,5 cm, Inv.-Nr. 09-329 854 © Museum Fünf Kontinente, Foto: Nicolai Kästner