Religiöse Sinnbildung vollzieht sich in und durch Metaphern. Wo Religionen sich auf unverfügbare Transzendenz beziehen, greifen sie auf vertraute Erfahrungsbereiche zurück: Wege, Licht, Herzen, Körper, soziale Beziehungen oder alltägliche Tätigkeiten. Metaphern machen das Unsichtbare anschaulich, das Abstrakte verständlich und das Unsagbare kommunizierbar. Sie gehören deshalb zu den grundlegenden Mitteln religiöser Welterschließung.
Der Sonderforschungsbereich 1475 Metaphern der Religion untersucht, wie Metaphern religiöse Bedeutung hervorbringen und vermitteln. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie religiöse Traditionen durch metaphorische Prozesse Sinn erzeugen und welche Rolle Metaphern für religiöses Denken, Sprechen, Zeigen und Handeln spielen.
Kennzeichnend für den SFB ist sein komparativer Ansatz: Durch den systematischen Vergleich von Metaphern über Sprach- und Religionsgrenzen hinweg werden sowohl traditionsübergreifende Muster als auch historische und kulturelle Besonderheiten sichtbar. Die beteiligten Projekte erforschen Quellen vom zweiten Jahrtausend v. Chr. bis in die Gegenwart und arbeiten mit Sprachen wie Avestisch, Sanskrit, Hebräisch, Arabisch, Klassischem Chinesisch, Tibetisch sowie verschiedenen europäischen Sprachen. Untersucht werden unter anderem Metaphern in christlichen, islamischen, zoroastrischen, jainistischen, buddhistischen, konfuzianischen und daoistischen Traditionen.
Die vergleichende Forschung des SFB wird durch eine gemeinsame digitale Infrastruktur unterstützt und systematisiert. Mithilfe gemeinsamer Werkzeuge zur Annotation und Analyse religiöser Metaphern sowie des Thesaurus of Religious Metaphors (TRM) erschließen die Forschenden metaphorische Muster und setzen sie über unterschiedliche Sprachen, religiöse Traditionen und historische Kontexte hinweg miteinander in Beziehung. Auf diese Weise verbindet der SFB detaillierte philologische Quellenarbeit mit innovativen digitalen Methoden.
In der zweiten Förderphase vertieft der SFB seine theoretische, methodische und komparative Arbeit. Im Zentrum stehen die Beziehungen zwischen sprachlichen und konzeptuellen Metaphern, die Entwicklung einer Ontologie religiöser Metaphern sowie die weitere Ausdifferenzierung digitaler Verfahren für die Analyse großer Textkorpora. Zugleich erweitert der SFB seinen Forschungsgegenstand über Texte hinaus: Künftig werden auch Bilder, materielle Objekte und performative Praktiken wie Rituale oder Aufführungen systematisch untersucht, um metaphorische Muster medienübergreifend und multimodal analysieren zu können.
Durch die Verbindung von historischer Tiefenschärfe, kulturübergreifender Vergleichsperspektive, digitaler Infrastruktur und theoretischer Innovation leistet der SFB 1475 einen grundlegenden Beitrag zum Verständnis religiöser Sinnbildung.