Rückschau auf „Conceptual Blending Across Cultures, Texts, and Traditions“
Im Mittelpunkt der zweitägigen Veranstaltung stand die Frage, welchen Beitrag die Theorie des Conceptual Blending zur vergleichenden Erforschung von Metaphern, Religion und Sinnbildung über kulturelle, sprachliche und textuelle Grenzen hinweg leisten kann.
Ein besonderer Höhepunkt war die Keynote „Blending and Compression: Fitting the Divine to the Human Mind“ von Mark Turner, Professor für Cognitive Science an der Case Western Reserve University in Cleveland, Ohio (USA). Turner zählt zu den maßgeblichen Wissenschaftlern in der Entwicklung der Theorie des Conceptual Blending. Gemeinsam mit dem Kognitionswissenschaftler Gilles Fauconnier entwickelte er das theoretische Modell, das beschreibt, wie Menschen Elemente aus unterschiedlichen mentalen Räumen miteinander verbinden und daraus neue konzeptuelle Strukturen und Bedeutungen hervorbringen. Besonders einflussreich wurde dieser Ansatz durch das gemeinsam verfasste Buch The Way We Think: Conceptual Blending and the Mind’s Hidden Complexities (2002).
Turners Forschung geht dabei weit über Sprache im engeren Sinne hinaus. Er untersucht grundlegende kognitive Operationen, die menschliche Kreativität, Erfindungsfähigkeit, Schlussfolgern, Imagination und Sinnbildung ermöglichen. Seine Arbeiten zum Conceptual Blending hat er unter anderem auf Literatur, Kunst, Wissenschaft, Mathematik, Politik, soziale Kognition und Religion angewandt. Im Zentrum steht die Frage, wie Menschen Vorstellungen aus unterschiedlichen Bereichen miteinander verbinden – etwa Erfahrungen aus der alltäglichen Welt mit Vorstellungen des Göttlichen – und dadurch neue Bedeutungen und Verständnismöglichkeiten schaffen.
Gerade für die Erforschung religiöser Metaphern ist diese Perspektive besonders relevant. Religiöse Vorstellungen verbinden häufig Bereiche, die zunächst weit voneinander entfernt erscheinen – etwa das Menschliche und das Göttliche, das Materielle und das Transzendente oder alltägliche Erfahrung und abstrakte theologische Konzepte. Turners Arbeiten zum Conceptual Blending bieten einen Ansatz, um zu untersuchen, wie solche Verbindungen kognitiv hergestellt werden und wie aus dem Zusammenspiel verschiedener konzeptueller Bereiche neue Bedeutungsstrukturen entstehen. In seiner Keynote widmete sich Turner genau diesem Verhältnis von Blending, mentaler Komprimierung und der menschlichen Fähigkeit, Vorstellungen des Göttlichen konzeptuell zu fassen.
Damit bildete der Vortrag einen wichtigen theoretischen Ausgangspunkt für die anschließenden Diskussionen des SFB 1475. Nach einer Einführung in das Forschungsprogramm des SFB durch Tim Karis und einer Vorstellung gemeinsamer Methoden und des Thesaurus of Religious Metaphors durch Frederik Elwert diskutierten die Teilnehmenden, wie sich die Theorie des Conceptual Blending mit dem komparativen Forschungsansatz des SFB verbinden lässt.
Drei Fallstudien verdeutlichten die unterschiedlichen Perspektiven innerhalb des SFB. Julia Stenzel untersuchte transkulturelle metaphorische Blends in künstlerischen Aneignungen der Ta’ziyeh. Jan-Ulrich Sobisch widmete sich dem Verhältnis von Analogie und Conceptual Blending anhand der Bildlichkeit von Wasser und Wellen. Nikita Artemov präsentierte eine Analyse mehrerer Blends im Buch Amos 1,2a und dessen weiterem textlichen Kontext. In der anschließenden Diskussion ging es insbesondere um die Möglichkeiten und Herausforderungen, konzeptuelle Blends in unterschiedlichen religiösen Traditionen und textuellen Kontexten zu identifizieren, zu rekonstruieren und miteinander zu vergleichen.
Der zweite Tag stand unter anderem im Zeichen der Weiterentwicklung des Thesaurus of Religious Metaphors. Kianoosh Rezania stellte Perspektiven für dessen Weiterentwicklung vor. In der anschließenden Arbeitssitzung diskutierten die Teilnehmenden, wie theoretische Ansätze wie das Conceptual Blending zur systematischen Erfassung und Analyse religiöser Metaphern beitragen können.
Den Abschluss des Workshops bildete eine Master Class für Early Career Researchers mit Mark Turner. Unter dem Titel „Reading and Discussing Conceptual Blending with Mark Turner“ setzten sich die Teilnehmenden intensiv mit der Theorie auseinander und diskutierten deren Bedeutung für ihre eigenen Forschungsprojekte. Die Master Class bot damit die Möglichkeit zu einem intensiven Austausch mit einem der zentralen Wegbereiter der Theorie des Conceptual Blending und schlug zugleich die Brücke zwischen ihren kognitionswissenschaftlichen Grundlagen und konkreten Fragen der Religions-, Metaphern- und Kulturforschung.
Der Workshop machte insgesamt deutlich, welches Potenzial die Verbindung der Theorie des Conceptual Blending mit der interdisziplinären Erforschung religiöser Metaphern bietet. Die Beteiligung Mark Turners stellte dabei eine unmittelbare Verbindung zu einem der theoretischen Ausgangspunkte des Workshops her, während die Beiträge der Forschenden des SFB 1475 zeigten, wie der Ansatz anhand unterschiedlicher religiöser Texte, Praktiken und kultureller Kontexte erprobt, weiterentwickelt und für die religionswissenschaftliche Forschung fruchtbar gemacht werden kann.
