Metaphern in babylonischen Weissagungstexten: Nicla De Zorzi über Analogien und Bedeutung
Darin werden beobachtete Zeichen mit möglichen Ereignissen aus der menschlichen Lebenswelt verknüpft. Diese sogenannten Omina folgen einer spezifischen Logik: Ähnlichkeiten zwischen Wörtern, Begriffen und Dingen stellen Verbindungen zwischen scheinbar weit voneinander entfernten Bereichen her. Dahinter steht ein kulturspezifisches analogisches Denken, das davon ausgeht, dass Ähnlichkeiten bedeutungsvolle Zusammenhänge offenbaren.
Im Interview spricht die Orientalistin über ihren Zugang zu dem Thema, die Rolle der Metaphern in babylonischen Weissagungstexten und darüber, was das Besondere daran ist, als Italienerin in Wien zu leben und zu forschen.
SFB 1475: Wie sind Sie zu Ihrem Vortragsthema gekommen – was hat Ihr Interesse daran geweckt?
De Zorzi: Die Arbeit an babylonischen divinatorischen Texten – sogenannten Omina – die mich seit meiner Dissertation begleitet, ist wesentlich auch eine Arbeit mit Metaphern: die Verbindung zwischen Zeichen und Vorhersage besteht in diesen von babylonischen Gelehrten konstruierten Texten in einer ‚Ähnlichkeit‘ zwischen Zeichen und der daraus abgeleiteten Vorhersage, die häufig metaphorisch ist. Meine Arbeit, die Bauprinzipien dieser Texte zu entschlüsseln, erfordert daher notwendig eine permanente Auseinandersetzung mit Metaphern.
SFB 1475: Was hat Sie im Laufe Ihrer Arbeit an diesem Thema am meisten überrascht oder irritiert?
De Zorzi: Ich würde lieber davon sprechen, dass ich beeindruckt war – und bin – von der Vielfalt der Assoziationen – metaphorisch, metonymisch, analogistisch – die sich in meinen Quellen gewissermaßen kumulatorisch anhäufen und gemeinsam das divinatorische Argument entwickeln, dass die babylonischen Autoren der Omenkompendia, die ich untersuche, machen wollen. Die Texte sind, meine ich, in ihrer Komplexität lange unterschätzt worden. Wenn man in ihre Welt eintaucht und sie auf ihre eigenen Regeln hin befragt, stellen sie sich als durchaus komplexe literarische Konstrukte heraus, die eine beträchtliche intellektuelle Leistung darstellen.
SFB 1475: Was ist ein zentraler Gedanke aus Ihrem Vortrag, den Sie dem Publikum gern mitgeben möchten?
De Zorzi: Der Punkt, den ich bei der letzten Antwort genannt habe: Ich will zeigen, dass es historisch lohnend ist, sich auf diese Texte einzulassen. Man muss nicht an die Grundprämissen der babylonischen Divination glauben, um zu sehen, dass diese Texte eine wertvolle Quelle die Mentalitätsgeschichte der Antike im weiteren Sinne darstellen.
SFB 1475: Ist Ihnen in letzter Zeit in Ihrem Alltag eine Metapher begegnet, die Sie besonders interessant fanden? Welche war das – und warum?
De Zorzi: Ich lebe und arbeite als Italienerin in Wien, in einem zum Teil deutschsprachigen oder richtiger österreichisch-wienerischen Umfeld. Mir scheint, Wien lässt sich gut über seine Metaphern wenn schon nicht verstehen, dann vielleicht ansatzweise erspüren. Die Containermetapher „das geht sich schon irgendwie aus“ etwa signalisiert die ortsübliche, wie Musil sagen würde, typisch ‚kakanische‘, Mischung von Fatalismus und Optimismus. Gemeint ist in etwa: Eigentlich besteht kein objektiver Grund zur Annahme, dass „es sich ausgehen wird“, aber das war auch in der Vergangenheit so, und wir sind immer noch da.
SFB 1475: Haben Sie eine Lieblingsmetapher aus Ihrem Forschungsmaterial? Wenn ja, welche – und was macht sie für Sie besonders interessant?
De Zorzi: Ich finde die Vorstellung interessant, dass für Babylonier*innen die Zukunft „im Rücken“ liegt, und die Vergangenheit „vor dem Gesicht“. Diese für uns kontraintuitiven Körpermetaphern erklären sich so, dass im Babylonischen und Sumerischen die Zeit gewissermaßen auf das ruhende Ich „zugeht“ und dann an ihm vorbeizieht. So ist von zwei aufeinanderfolgenden Ereignissen das, das zuerst auf uns zukommt und dann auch zuerst Vergangenheit sein wird, das ‚Vorderseitige‘, und das relativ gesehen spätere Ereignis, das in der Zukunft liegen kann, während das vorhergehende schon Vergangenheit ist, das „rückwärtige“.
