Dr. Maryam Palizban verstärkt als Mercator Fellow das Teilprojekt A06
Im Zentrum stehen die Ta’ziyeh (ein schiitisches Passions- bzw. Trauertheater aus dem Iran zur Erinnerung an das Martyrium Imam Husayns in Kerbela) als performatives System, in dem Metaphern nicht nur sprachlich, sondern durch Körper, Stimme, Raum, Musik und Affekte hervorgebracht und vermittelt werden, sowie die Transformation schiitischer Erinnerungs- und Märtyrernarrative in Literatur, Theater, Film und zeitgenössischer Kunst seit dem 20. Jahrhundert. Damit knüpft sie unmittelbar an die Zielsetzungen des SFB an, indem sie metaphorische Prozesse als verkörperte und performative Praktiken religiöser Sinnproduktion untersucht und deren ästhetische Wandlungen in modernen kulturellen Kontexten analysiert. Ein besonderes Augenmerk gilt der kulturellen und politischen Wirksamkeit religiöser Metaphern im Spannungsfeld von Ritual, Erinnerung, Gewalt und kollektiver Identitätsbildung.
Als Mercator Fellow im Teilprojekt A06 bringt Dr. Palizban diese Perspektiven gezielt in die Arbeitsprogramme des Teilprojekts ein. In enger Zusammenarbeit mit dem Projektteam entwickelt sie eine Fallstudie zur Taʿziyeh als performativem System religiöser Sinnbildung und schärft zentrale Kategorien des Projekts zu Verkörperung, Affekt und Performativität. Operativ trägt sie zum Aufbau eines intermedialen Korpus aus Text-, Bild- und Tonmaterial bei, führt close readings und vergleichende Analysen durch und berät das Team an den Schnittstellen zwischen wissenschaftlicher und künstlerischer Erkenntnisproduktion. Eigene Archiv- und Felderfahrungen, darunter die Dokumentation „Taʿziya in Kalāk“ (2009), fließen in die Materialarbeit ein. Geplant sind projektinterne Workshops, gemeinsame Diskussionen methodischer Zugriffe sowie Beiträge zu Publikationen, die die intermediale und ästhetisch-verkörperte Dimension religiöser Metaphern in A06 weiter profilieren.
Dr. Palizbans Forschung verbindet die Analyse schiitischer Ritualkulturen und der persischen Literatur- und Kulturgeschichte mit Ansätzen der Religionsästhetik, Performativität und Affekttheorie. Sie arbeitet zu Märtyrernarrativen, Gewalt- und Opferdiskursen, Krieg, Trauma und kulturellem Gedächtnis, zu Film, Theater und zeitgenössischer Kunst im Iran sowie zu Gender, Körperpolitik und feministischer Kulturtheorie. Methodisch stützt sie sich auf Performance Studies, Ritualtheorie, Metaphern- und Narrativitätstheorien, Affekt- und Emotionsforschung, kulturwissenschaftliche Gedächtnis- und Traumatheorien, feministische und körpertheoretische Ansätze, Diskursanalyse und kulturhistorische Verfahren; künstlerische Forschung und audiovisuelle Wissensproduktion sind integrale Bestandteile ihrer Arbeit.
Sie promovierte 2014 an der Freien Universität Berlin in Theaterwissenschaft in Kooperation mit dem Zentrum für Literatur- und Kulturforschung (ZfL). Ihre Dissertation „Figurationen des Märtyrers. Zur Performativität des Mordes in der Ta’ziyeh“ erschien 2017 als Monographie „Performativität des Mordes. Die Ta’ziyeh als schiitisches Theater-Ritual“ (Kadmos Verlag). Wissenschaftliche Stationen umfassen Tätigkeiten im DFG-Projekt „Figurationen des Märtyrers in nahöstlicher und europäischer Literatur“ am ZfL (2012–2015), ein Postdoc-Fellowship am Käte Hamburger Kolleg „Dynamiken der Religionsgeschichte“ (CERES), Ruhr-Universität Bochum (2016–2017), die Associate Membership bei CERES (seit 2017) sowie eine Visiting-Scholar-Phase am Zentrum für Islamische Theologie (ZIT), Universität Münster, mit Leitung des Projekts „Leib und Leiblichkeit“ (2020–2023). Auf das Mercator Fellowship im SFB 1475 (2026) folgt ein FIAS Fellowship am Iméra – Institut d’Études Avancées, Aix-Marseille Université (2026–2027).
Ihre Arbeiten leisten Beiträge zu aktuellen Debatten über religiöse Sinnbildung im Schnittfeld von Religion, Politik und Kultur, über Erinnerungskulturen, Krieg und Gewalt, Geschlechterverhältnisse und die gesellschaftliche Bedeutung von Kunst. Die Forschung wird in Kooperation mit Künstlerinnen, Filmemacherinnen und Kulturinstitutionen weiterentwickelt; internationale Partnerschaften, unter anderem in Oslo, sind in Vorbereitung. Für den Wissenstransfer nutzt sie öffentliche Vorträge, Workshops, Konferenzen und Publikationen in deutscher, englischer und persischer Sprache, ergänzt durch filmische und audiovisuelle Formate. Geplant ist unter anderem der Vortrag „Taʿziyeh Beyond Faith: The Theatrical Body and the Transformation of Ritual in Iranian Cultural Memory“ auf der Fifteenth Biennial Iranian Studies Conference (5.–8. August 2026, Utrecht University) sowie weitere Veranstaltungen im Rahmen des Mercator Fellowships im SFB 1475 und des FIAS Fellowships am Iméra.

